Nachruf auf Häns'che Weiss - 1951-2016

Nachruf auf Häns'che Weiss - 1951-2016

Ein Nachruf auf den deutschen Sinti-Musiker Häns’che Weiss
Von Bernd Reinhardt 30. Juni 2016
Nach langer Krankheit starb am 2. Juni der Gitarrist Häns’che Weiss. Der deutsche Sinto war ein bedeutender Interpret der Musik, die mit Django Reinhardt in den 1930er Jahren begann, sich international verbreitete und heute vor allem als „Gipsy-Jazz“ bekannt ist.

Häns’che Weiss wurde 1951 in einer Westberliner Sinti-Familie geboren und begann frühzeitig Gitarre zu spielen. Sein Vater Gono war vor dem Krieg ein vielseitiger Musiker gewesen, der Violine, Gitarre, Akkordeon und Zither beherrschte. Häns’che nahm die alte Unterhaltungsmusik von Operette bis Swing in sich auf, wuchs wie andere Jugendliche aber auch mit den Shadows, den Beatles, den Stones, den frühen Motown-Stars und modernem Jazz auf.
Der erste Fernsehauftritt des Schnuckenack Reinhardt Quintetts von 1967 in klassischer Django-Reinhardt-Besetzung wurde zum Impuls einer regelrechten Aufbruchsstimmung unter deutschen Sinti und Roma, zunächst auf kulturellem Gebiet. Nach und nach erschien eine ganze Reihe Platten unter dem selbstbewussten Motto: Musik deutscher Zigeuner. Hier begann auch die Laufbahn von Häns’che Weiss zunächst im Schnuckenack Reinhardt Quintett, bis er 1972 das Häns’che Weiss Quintett gründete.
Von Beginn an standen Bemühungen um eine zeitgemäße Musik. Dabei wurden Generationsunterschiede hörbar. Während Schnuckenack, noch stark der alten Salon-Tradition von Georges Boulanger und Emmerich Kálmán verpflichtet, Swing auf eine mitreißende Art und Weise interpretierte, die immer wieder den ungarischen Primas durchblicken ließ, eiferte sein Mitstreiter Bobby Falta auf der elektrischen Gitarre Barney Kessel und Wes Montgomery nach.
Insgesamt waren die 70er Jahre eine Zeit des Experimentierens. So waren in der 1973 in Dortmund gegründeten Gruppe La Romanderie neben Violine und Akkordeon auch elektrische Gitarre und Harfe zu hören. 1978 brachte die Sängerin Kitty Winter ein an
Jazzrock und Fusion orientiertes Album heraus. Ein Jahr später betritt auf dem großen
„Musikfest der Zigeuner“ in Darmstadt unter großem Beifall eine junge Frau (Dunja Blum)
die Bühne und singt mit modernem Spirit einen Song in der Sprache der deutschen Sinti –
Dschane du ga. Spätere Fernsehauftritte zeigen Dunja Blum als moderne Jazz-Interpretin mit
einer Vorliebe für Bossa Nova.
Auch für den Geiger Zipflo Reinhardt wurden eher moderne, internationale Jazz-Musiker
maßgebend, wie die Geiger Jean-Luc Ponty und Didier Lockwood. Das 1979 erschienene
Album The Gipsy Jazz Violin Summit mit vier Sinti-Geigern war nicht nur Welten entfernt
vom Klischee der schluchzenden Zigeunergeige, es stellte auch eine Emanzipation vom
Gipsy-Swing dar, der auf den vielen öffentlichen Konzerten inzwischen als neue Zigeuner-
Folklore gefeiert wurde, was Zipflo in einer Fernsehdokumentation als Stillstand kritisierte.
Politisch hatten Sinti und Roma im Klima nach der 1968er Studentenrevolte begonnen, sich
verstärkt für ihre Bürgerrechte, ihre Kultur und ihre öffentliche Anerkennung als rassistisch
Verfolgte des Nazi-Regimes einzusetzen. Nach wie vor wurde vielen Familien die finanzielle
Wiedergutmachung verweigert, deren Angehörige traumatisiert aus den KZs gekommen
waren.
Otto Rosenberg, der Vater der bekannten Sängerin Marianne Rosenberg, engagierte sich als
Aktivist dieser Bewegung in der SPD. In einer Fernsehdokumentation äußert Schnuckenack
Reinhardt seine Hochachtung gegenüber dem SPD-Vorsitzenden Willi Brandt. Lass Maro
Tschatschepen („Lasst uns unser Recht einfordern“) heißt es auch selbstbewusst im vierten
Album des Häns’che Weiss Qunitetts, das 1978 den deutschen Schallplattenpreis erhielt.
Anfang der 1980er Jahre begannen der Sinto Tornado Rosenberg und der Roma Rudko
Kawczynski als „Duo-Z“ bissige „deutsche Zigeunerlieder“ zu singen, in der
Liedermachertradition der 1960er und 70er Jahre. Sie besangen die ernüchternde, aktuelle
Situation von Sinti und Roma in der BRD, den Kampf mit Ämtern, Vorurteilen,
Arbeitslosigkeit und drohenden Abschiebungen. Die Lieder verraten, dass sich trotz der
öffentlichen Anerkennung auf musikalischem Gebiet an der oft prekären sozialen Lage auch
im sozialdemokratischen Jahrzehnt kaum etwas geändert hat.
Im Aufstieg der Grünen, die sich gezielt an Migranten und Minderheiten wandten, sahen auch
deutsche Sinti und Roma eine neue Hoffnung. Der Geiger Titi Winterstein, der mehrere Jahre
mit Häns’che Weiss gespielt hatte, unterstützte 1983 öffentlich den Wahlkampf der Grünen
und nahm an der großen, von der Friedensbewegung initiierten Menschenkette Stuttgart-Ulm
gegen die Stationierung der Pershing-Mittelstreckenraketen teil.
Nach Alben, die in zwischen zu Klassikern des Gipsy-Jazz gehören und dem weltmusikhaften
Album Couleurs (1981) mit acht Musikern, darunter dem indischen Percussionisten Trilok
Gurtu, stellt das Live Album Zugaben (1985) des Häns‘che Weiss Ensembles eine Zäsur dar.
Der Ton ist privater, aber viel jazziger geworden. Erst in der neuen Triobesetzung kommt
auch Häns’ches Liebe zur Leichtigkeit und Entspanntheit des Bossa Nova richtig zur Geltung.
Der Abschied von der traditionellen Rhythmusgitarre des Gypsy-Swing gibt ihm die
Möglichkeit, seine Solos freier und transparenter zu gestalten.
Die ideale Ergänzung liegt im dynamischen Spiel des Geigers Martin Weiss. Sein Neffe, seit
Couleurs dabei, ist ein unglaublicher Virtuose und Swinger, der die Eleganz von Stéphane
Grappelli mit dem aggressiven Bogenstrich von Titi Winterstein vereint. Neu ist ein starkes
komödiantisches Element, für das nicht zuletzt der Schweizer Bassist Vali Mayer mit knarrigem Bass und langen Scat-Einlagen sorgt.
Nach den Alben Erinnerungen (1988) und Vis àvis (1991), die großartige Musik sind, schlägt Martin eigene musikalische Wege ein. Nach einem Album mit dem Geiger Zipflo Reinhardt, arbeiten Vali und Häns’che fortan als Duo. Ihre Konzerte zeichnen sich durch viel Spielwitz aus. Gerade in den spannenden Improvisationen der anspruchsvollen Duo-Besetzung zeigt sich die künstlerische Reife der beiden Musiker.
Häns’che Weiss war kein musikalischer Revolutionär, der die Welt mit bahnbrechenden Neuheiten in Atem hielt. Was ihn auszeichnete, war neben der beeindruckenden Beherrschung des Instruments seine mitreißende Musikalität. Das sensible harmonische Empfinden und das Gefühl gerade für die leisen Töne in seiner späteren Phase verliehen seinem Gitarrenspiel oft etwas sehr Poetisches. Daneben zeigten die Liveauftritte einen Musiker mit warmherzigem Humor.
Anders als mancher Jazzkollege, der seinen Adorno gelesen hatte, waren für Häns’che Berührungsängste mit „schönen Tönen“ oder mit Klischees kein Thema. War die Zeit reif, erklang am Konzertabend auch der eine oder andere Czardas, ganz ohne jede ironische Attitüde. Die Musette-Walzer, die Häns’che komponierte, kann man als Verbeugung vor der alten Musikergeneration der Sinti und französischen Manouche sehen. Ein Walzer ist seinem Vater Gono gewidmet. Wie Django Reinhardt und Stéphane Grappeli, sah Häns‘che in der Verschmelzung unterschiedlicher Traditionen mit dem Jazz das Ideal einer Tonsprache ohne kulturelle und nationale Barrieren.
Dieses natürliche, künstlerische Verhalten gegenüber einer internationalen Welt wird gegenüber Sinti-Künstlern oft kritisiert, weil sie damit angeblich ihre kulturelle Identität aufgäben. Sie seien gar keine echten „Zigeuner“, weil sie inzwischen richtige Wohnungen hätten, moderne Popmusik hörten oder selbst ausübten, wie der ehemalige DSDS-Star Menowin Fröhlich, statt „authentische“ Musik zu spielen – was immer damit gemeint ist.
Gerade im Umfeld der Grünen war stets auch jene konservative Auffassung der multikulturellen Gesellschaft populär, die sich aus Kulturpessimismus gegenüber der modernen Gesellschaft speist. Sie beruht auf der Anbetung von kultureller Rückständigkeit, des „unverdorbenen Wilden“, der noch nicht dem Konsum verfallen ist, keinen Fernseher kennt und dem (natürlich nur zu seinem Besten) auch keiner zugestanden wird. Sinti und Roma müssen immer noch als Projektionsfläche für die rechten, völkischen Phantasien solcher „Zigeunerfreunde“ herhalten.
Der Sinti-Gitarrist Janko Lauenberger, dessen Kinderzimmer ein großes Michael Jackson Poster zierte, äußerte vor einigen Jahren sarkastisch, manche wollten, „dass wir immer noch mit der Trommel um den Busch springen“.
Nach den monströsen Verbrechen der Nazis war es für die meisten Sinti und Roma in Deutschland schwer, den Blick nach vorn zu richten. Zu oft blickten sie dabei in den Ämtern und Arztpraxen in die Gesichter ihnen bekannter ehemaliger Nazis. Manchmal waren es dieselben, die ihre Eltern oder sie selbst ins KZ geschickt hatten.
Der Musikproduzent Siegfried Maeker, der Schnuckenack Reinhardt in den 60er Jahren anregte, eine Django-Band für öffentliche Konzertauftritte zusammenzustellen und damit zu einem Impulsgeber des deutschen Gipsy-Swing wurde, berichtete, dass sich Sinti und Roma
in der Nachkriegs-BRD bis zu diesem Zeitpunkt völlig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatten. Oft leugneten sie sogar ihre Identität, gaben sich als Italiener aus.
Häns‘che Weiss gehörte zu jenen, die als Sinti wieder auf die Menschen zugehen konnten, mit offenem, freundlichem Herzen. Diese Haltung hat seine Musik sehr beeinflusst. Er hat kulturelle Brücken gebaut, die sich als beständiger erwiesen als die halbherzigen Versprechungen einstiger linker Politiker, die gestern noch multikulturelle Feste organisierten und heute brutal Roma abschieben.
Der eine oder andere von ihnen hat vermutlich im alten Plattenschrank noch eine alte Häns’che-Weiss-Platte liegen.
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Quelle: World Socialist Website (WSWS)
www.wsws.org/de

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